Magazine März 2017

Die Textile Welt im Blick: Von SVL bis Service

Im Oktober 2016 fand die ASFW (African Sourcing and Fashion Week) bereits zum zweiten Mal in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba statt. Die Messe repräsentiert Äthiopiens Streben, in den nächsten Jahrzehnten eine zentrale Position in der globalen Textil- und Bekleidungsindustrie einzunehmen.

Groz-Beckert Sewing war als ASFW-Aussteller vor Ort – und kann den Trend der wachsenden Bekleidungsindustrie Äthiopiens bestätigen.

Äthiopien – Daten und Fakten

Als zehntgrößtes Land Afrikas verfügt Äthiopien über eine große und schnell wachsende Bevölkerung, die sich im Zeitraum von 1960 bis heute auf fast 100 Millionen Menschen vervierfacht hat. Trotz des eher ländlichen Umfelds mit mangelnder Infrastruktur zählt die Hauptstadt Addis Abeba zu den größten Metropolen Afrikas.

Im Zeitraum von 2004 bis 2015 verzeichnete Äthiopiens Bruttoinlandsprodukt sehr hohe Wachstumsraten zwischen 8 und 12 Prozent. Mit dem Resultat, dass Äthiopien 2015 mit einem Wachstum von 10,1 Prozent als einziges Land einen zweistelligen Wert ─ und somit das höchste Wachstum der Welt in diesem Jahr ─ aufweisen konnte.

Dennoch gilt Äthiopien nach wie vor als eines der ärmsten Länder der Welt: Fast die Hälfte der Bevölkerung ist unterernährt und auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Grund dafür sind Dürren und Überschwemmungen, die zu Missernten führen, sowie die sinkende Zahl der Nutzfläche, die pro Kopf der Landesbevölkerung zur Verfügung steht und tendenziell in den nächsten Jahren noch weiter zurückgehen wird.

Die wirtschaftliche Zusammensetzung Äthiopiens

Obwohl sein Wirtschaftsanteil in den letzten 15 Jahren kontinuierlich bis auf 40 Prozent sank, ist der landwirtschaftliche Bereich immer noch der größte Sektor der äthiopischen Wirtschaft. Sein Rückgang ist dem stark wachsenden Dienstleistungssektor sowie dem Ausbau der Infrastruktur geschuldet. Ebenfalls auf dem Vormarsch befindet sich die Energiewirtschaft. Dabei erhebt das Land den Anspruch, auf fossile Energieträger weitestgehend zu verzichten und setzt dafür auf erneuerbare Energien.

Außenhandel betreibt Äthiopien vor allem mit dem Export von Kaffee und Ölsamen. Der Export von Textilien ist mit einem Anteil von unter 5 Prozent zwar noch sehr gering. Es sind jedoch bereits hohe Zuwachsraten zu verzeichnen.

Die Stärken Äthiopiens

Äthiopien ist eine stark wachsende Nation mit einer sehr jungen Bevölkerung: Ungefähr 40 Prozent der Menschen sind 15 Jahre und jünger. Sie alle möchten in den nächsten Jahrzehnten Beschäftigung finden. Dem äthiopischen Arbeitsmarkt stehen daher auch in Zukunft ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung. Verschiedene Bildungsansätze und die eingeführte Schulpflicht führen außerdem dazu, dass die junge Bevölkerungsschicht über eine verbesserte Bildung verfügt.

Aufgrund seiner geografischen Lage im Nordosten Afrikas ist Äthiopien sowohl für asiatische als auch für europäische Investoren interessant. Diesen bietet das Land im Rahmen von riesigen Investitionsprogrammen günstige Flächen und Steuererleichterungen in mehreren Freihandelszonen. Darüber hinaus existieren verschiedene Handelsabkommen, unter anderem mit der EU, die Investitionen in Äthiopien erleichtern.

Die Infrastruktur im Land befindet sich im nötigen Aufbau – Teil der Planung ist ein 5.000 Kilometer langes Schienennetz. Dabei liegt die oberste Priorität in der Verbindung von Addis Abeba mit dem Hafen der Republik Dschibuti. Dieser verfügt über einen direkten Zugang zu einer der bedeutendsten Wasserstraßen der Welt, die das Rote Meer mit dem Golf von Arabien verbindet.

Nicht zuletzt sind es die niedrigen Energie- und Lohnkosten – eine Textilarbeiterin verdient derzeit 1,3 Dollar pro Tag – die Äthiopien als Produktionsstandort zunehmend interessanter machen.

Die Textil- und Bekleidungsindustrie in Äthiopien

Der Beitrag der Textilindustrie zum Bruttoinlandsprodukt Äthiopiens ist noch sehr gering. Aufgrund der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte und des sich daraus ergebenden Bedarfs an Arbeitsstellen entschied sich die äthiopische Regierung, Investitionen in die Textilindustrie zu fördern. Daher wurden verschiedene Freihandelszonen geschaffen, die bereits einige namhafte Hersteller dazu veranlassten, in Äthiopien zu produzieren.

Aktuell befinden sich weitere Freihandelszonen in Äthiopien im Aufbau. Die erste, der Bole Lemi Industrial Park, ist seit 2012 in Betrieb. Dort sind ungefähr 1,5 Millionen Menschen beschäftigt. Der Schwerpunkt der Industrie liegt im Bereich Textil und Bekleidung.
Eine weitere Freihandelszone, der Hawassa Industrial Park, wurde vor Kurzem in Betrieb genommen. Sie verfügt derzeit über eine Nutzfläche von 130 Hektar. Der Schwerpunkt liegt hier ebenfalls in der Textil- und Bekleidungsindustrie.
Weitere Industriezonen, in der die Textil- und Bekleidungsindustrie eine große Rolle spielen, sind der Mekelle Industrial Park (1 Million Arbeitsplätze) und der Combolcha Industrial Park. Neben der Herstellung von klassischen Textilien gibt es dort aber auch eine bedeutende und weiter wachsende Schuhindustrie.

Ob in eigenen Fabriken oder in Lohnfirmen – die Unternehmen, die derzeit in Äthiopien produzieren, kommen zum großen Teil aus der Region Indischer Ozean oder anderen Teilen Asiens, wie beispielsweise Indien, China, Korea, Bangladesch, Sri Lanka und Vietnam, aber auch aus Europa, insbesondere der Türkei.

Neben der Textil- und Bekleidungsindustrie boomt der Aufbau weiterer Industriezweige in Äthiopien. So steht im Kilinto Industrial Park die Erzeugung von Agrar- und Pharmazieprodukten im Vordergrund, im Dire Dawa Industrial Park und Adama Industrial Park dagegen der Anlagenbau und andere schwere Industrien.

Karte Äthiopiens, auf der die wichtigesten Industriezentren markiert sind

Landkarte Äthiopiens mit Industrial Parks – 1 = Bole Lemi Industrial Park; 2 = Hawassa Industrial Park; 3 = Mekelle Industrial Park; 4 = Kilinto Industrial Park; 5 = Dire Dawa Industrial Park; 6 = Adama Industrial Park; 7 = Kombolcha Industrial Park; 8 = Hafen von Dschibuti

Rahmenbedingungen

Besuche in Äthiopien zeigen, dass trotz der niedrigen Löhne gewisse Rahmenbedingungen für die Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter in Äthiopien geschaffen wurden: Die Fabrikhallen sind modern und sauber, es gibt begrenzte Acht-Stunden-Schichten sowie vorgeschriebene Pausen. Grund hierfür ist die Tatsache, dass die Textilindustrie noch ganz am Anfang steht und beim Aufbau der vollstufigen Betriebe von Beginn an auf die geltenden Standards geachtet wird. Ziel ist die Entstehung einer sozial gerechten und nachhaltigen Industrie.

Groz-Beckert in Äthiopien

Groz-Beckert hat den Trend der sich wandelnden Produktionsstandorte erkannt. Bereits zum dritten Mal statteten Vertriebsmitarbeiter aus dem Unternehmensstammsitz in Albstadt dem äthiopischen Markt daher für jeweils eine Woche einen Besuch ab. Ziel der Besuche war und ist es, Schlüsselkunden im äthiopischen Markt zu akquirieren und eine Vertriebsstruktur aufzubauen.

Auch mit der Teilnahme an der ASFW im Oktober 2016 wurde die Möglichkeit genutzt, weitere wichtige Kontakte zu knüpfen sowie das Groz-Beckert Produktportfolio im Bereich der Nähmaschinennadeln in Äthiopien vorzustellen. Die hohen Besucherzahlen der Messe bestätigen das Wachstum der Textil- und Bekleidungsindustrie in Äthiopien.

GEBEDUR®-Nadeln von Groz-Beckert sind mit einer Titiannitrid-Beschichtung ausgestattet. Diese verleiht der Nadeln einen Härtegrad, der viermal so hoch ist wie der von gehärtetem Stahl.