Magazine März 2011

Aktuelle Informationen aus der textilen Welt

Hygiene im Wandel der Zeit

Yoga, Pilates, Wellness, Nordic Walking, Qi Gong, Homöopathie – die genannten Begrifflichkeiten sind inzwischen nahezu überall präsent. Sie verdeutlichen, dass sich unser Bewusstsein in Sachen Gesundheit und Entspannung in den letzten 20 Jahren signifikant gewandelt hat. Dabei verschließt sich der Bewusstseinswandel auch nicht vor Themen, die nur indirekt mit dem Thema Gesundheit in Verbindung stehen. Ein prominentes Beispiel ist dabei Hygiene. So ist es nicht verwunderlich, dass heute schon rund 35% aller hergestellten Vliesstoffe in diesen Anwendungsbereich fließen. Wischtücher und Kosmetikartikel, auch wenn sie der Körperhygiene dienen, sind noch gar nicht berücksichtigt. Rechnet man den Bedarf an Einwegwischtüchern hinzu, erhöht sich der Anteil auf rund 45%. In diesem Sinne bezieht sich die folgende Betrachtung sowohl auf reine Hygieneartikel als auch auf Wischtücher und weitere Artikel, die der Körperhygiene dienen – und die gemeinhin auch unter dem Begriff "Kosmetikartikel" zu finden sind.

Anwendungsbereiche moderner Hygienevliesstoffe

Die Anwendungsbereiche moderner Hygienevliesstoffe sind heute vielfältiger als je zuvor – Tendenz steigend. Nach wie vor große Bedeutung haben Windelprodukte. Aufbau und Beschaffenheit solcher Einwegprodukte sind mitunter sehr komplex. Das Anforderungsprofil an die einzelnen Vlieslagen ist sehr unterschiedlich, wie das folgende Aufbauschema eines typischen Inkontinenzprodukts zeigt:

Bezeichnung
Material

 

sanfter oberer Vliesstoff

 

mögliche Mischungen:
Baumwolle, Polyester, Polypropylen, Viskose


 

Schnell-Verteilungsschicht

 

Zellstoff


 

Superabsorber

 

langkettige, besonders quellfähige Polymere aus Acrylsäure


 

flüssigkeitsundurchlässige Außenschicht

 

atmungsaktive Folie aus Polypropylen und Polyethylen


  1. Die innere, der Haut zugewandte, Lage muss Flüssigkeiten schnell an die darunter liegende Schicht weiterleiten. Der direkte Hautkontakt fordert einen hohen Weichheitsgrad.
  2. Die darunter liegende Aufnahme- und Verteilerschicht leitet die Flüssigkeit zum Speicherbereich weiter.
  3. Die absorbierende Kernschicht, bestehend aus einer Mischung von Zelluloseflocken und einem superabsorbierenden Polymer, saugt die Flüssigkeit auf und hält diese zurück.
  4. Die äußere Schicht, die der Kleidung zugewandt ist, bildet eine feuchtigkeitsundurchlässige Barriere. Sie besteht deshalb in der Regel aus einem Polyethylenfilm oder einem atmungsaktiven und gleichzeitig hautschonenden Vlies-Polyethylen-Verbundstoff.

Neben Windeln für Babys und Erwachsene fließen Hygienevliesstoffe auch in die Herstellung von Damenhygieneprodukten wie Slipeinlagen oder Tampons ein. Dasselbe gilt für diverse Kosmetikartikel, etwa Wattepads oder feuchte und trockene Wischtücher.

Materialien und Herstellungsverfahren

Typische Faserarten sind heute in erster Linie Baumwolle, Zellwolle und Zellstoff, aber auch Synthesefasern und diverse Mischungen. Zellstoff hat eine hervorragende Absorptionsfähigkeit, ist relativ preiswert und zudem biologisch abbaubar – eine Anforderung, die sich vor allem in westlichen Breitengraden immer häufiger stellt.

Die Vliesbildung erfolgt dabei meist im Luftlegeverfahren, zumal die Stapellänge bei Zellstoff und Baumwolle sehr kurz ist. Natürlich kommen aber auch herkömmliche Vlieskarden zum Einsatz. Die Kombination verschiedener Vliesbildungsverfahren ermöglicht die Herstellung sogenannter Sandwichgelege oder Verbundstoffe. Die Vliesverfestigung wiederum kann bei Stapelfasern sowohl im Thermofixierverfahren mithilfe chemischer Binder oder aber per Wasserstrahlverfestigung erfolgen. Selbiges gilt im Übrigen für kurzfaserige Zellstofffasern.

Steigende Anforderungen an moderne Hygieneprodukte

Durch die Kombination verschiedener Vliesbildungs- und Vliesverfestigungsverfahren lassen sich Produkte mit maßgeschneiderten Eigenschaften erzeugen. "Maßgeschneidert" kann sich dabei auf verschiedenste Aspekte beziehen, zum Beispiel:

  1. Reißfestigkeit
  2. Filtrationseigenschaft
  3. Luftdurchlässigkeit
  4. Oberflächenweichheit
  5. Bauschigkeit
  6. Saugfähigkeit
  7. Sauggeschwindigkeit
  8. Dichtegrad
  9. Erholungsvermögen
  10. Bedruckbarkeit
  11. Hautverträglichkeit

Oft gilt es, verschiedene Anforderungsprofile miteinander zu kombinieren. Auch dann, wenn sich diese aus herstelltechnischer Sicht widersprechen, denkt man etwa an eine hohe Reißkraft bei gleichzeitiger Weichheit des Produkts.

Die Vorteile der Wasserstrahlverfestigung

Einige chemische Verfestigungsmethoden haben in den vergangenen Jahren eher an Bedeutung verloren, nachdem viele Produkte aus Gründen der Hautverträglichkeit inzwischen keine chemischen Zusätze enthalten dürfen. Die Wasserstrahlverfestigung zeigt sich als perfekte Alternative. Ohne Verwendung chemischer Hilfsmittel ist dieses Verfahren nicht nur haut- und damit anwenderfreundlich, sondern auch sehr umweltverträglich. Darüber hinaus lassen sich mithilfe der Wasserstrahlverfestigung auch sehr weiche Produkte mit hoher Reißkraft realisieren.

Nicht nur deshalb rückt die Methode der Wasserstrahlverfestigung zunehmend in den Vordergrund. Weitere Vorteile gegenüber anderen Methoden sind etwa auch:

  1. Geringerer Energieverbrauch pro Kilogramm eingesetztem Rohmaterial
  2. Weniger Materialverlust
  3. Minimale Wartungsarbeiten
  4. Hohe Produktionsgeschwindigkeit von bis zu 300 Metern pro Minute und mehr
  5. Große Arbeitsbreiten von bis zu sechs Metern
  6. Einsatz unterschiedlicher Rohstoffe
  7. Herstellung von Verbundstoffen möglich

Trends im Hygienemarkt

Der Bedarf an Hygienevliesstoffen ist weiterhin stetig steigend. Dies liegt auch daran, dass mittlerweile selbst Länder fernab der Industrienationen einem Bewusstseinswandel hinsichtlich Einweg-Hygieneartikeln unterlegen sind. In Europa werden jährlich weit mehr als 20 Milliarden Einweg-Babywindeln und rund 6 Milliarden Inkontinenzprodukte verkauft. An Hygieneprodukten für Frauen werden jährlich allein in Westeuropa gut 40 Milliarden Stück abgesetzt. Alles in allem ergibt sich dort ein Umsatzvolumen von rund 12 Milliarden EUR.

Moderne Hygieneprodukte werden fortlaufend weiterentwickelt. Treibende Kraft ist nicht zuletzt das permanent strenger werdende Reglement hinsichtlich der Umweltverträglichkeit bei der Herstellung von Hygienevliesstoffen – und in Bezug auf biologische Abbaubarkeit. Auch die Bedürfnisse des Endverbrauchers verändern sich. Junge Mütter wollen heute ihren Babys nicht nur ein hautverträgliches, sondern auch ein sicheres, komfortables und leichtes Produkt anlegen. In diesem Sinne konnte das Gewicht pro Einwegwindel seit Ende der 1980er Jahre um nahezu 40% reduziert werden. Bei der Damenhygiene wurde das Produktgewicht in etwa demselben Zeitraum um cirka 20% gesenkt. Auch am Verpackungsmaterial wurden signifikante Einsparungen vorgenommen. Dieser Trend wird in Zukunft noch spürbare, positive Effekte im Hinblick auf den Schutz unserer Umwelt haben. Insofern beschreiben die folgenden Attribute die Trends rund um Hygieneartikel: leichter, sicherer, diskreter, komfortabler und umweltverträglicher.