Magazine Dezember 2018

Die textile Welt im Blick: Von Innovation bis Individualisierung

Fast Fashion und Microfactories

Warum die Digitalisierung in der Bekleidungsindustrie unumgänglich ist und wie adidas hierfür ein Beispiel setzt

Lange Zeit war die Bekleidungs- und Schuhindustrie einzig von dem Ziel getrieben, ihre Produkte kostengünstig und effizient zu produzieren. Hohe Losgrößen, lange Planungs- und Transportwege sowie enorme Lagerbestände wurden dafür in Kauf genommen.
In der heutigen Zeit – in der sich Modetrends fast wöchentlich ändern und die Konsumenten Wert auf individuelle Kleidung legen – bringt die herkömmliche Liefer- und Produktionskette mehr und mehr Nachteile mit sich. Daher werden die Rufe nach neuen technischen Lösungen sowie angepassten Produktionsprozessen lauter, um den Kundenbedürfnissen gerecht zu werden. So rückt die sogenannte „Microfactory“ immer mehr in den Fokus – ein Konzept, das vom Sportartikelhersteller adidas in Form von dessen SPEEDFACTORY bereits beispielhaft umgesetzt wurde.

3 Schaufensterpuppen in einem Bekleidungsgeschäft

Trendmode wird kurzfristig und in Kleinserien gefertigt

Die Ausgangslage

Langwierig – ein Stichwort, das die Produktions- und Lieferkette innerhalb der Bekleidungsindustrie bisher treffend beschrieb. Mitunter bis zu 15 Monaten liegen zwischen der Entwicklung eines Kleidungsstücks und dessen Auslieferung in den Handel. So bleibt kaum Zeit, auf aktuelle Trends zu reagieren oder Verkaufsschlager nachzuproduzieren. Deswegen werden Kleidungsstücke oft von vorne herein in großen Mengen gefertigt. Die Folge ist zumeist ein Abverkauf mit hohen Rabatten, was im schlimmsten Fall zu finanziellen Verlusten führen kann. Außerdem werden aufgrund der Überproduktion wertvolle Rohstoffe verschwendet, was nicht im Sinne der Nachhaltigkeit ist.

Hinzu kommt, dass sich die Entwürfe der Designer oftmals nicht mit den Kundenwünschen und
-bedürfnissen decken. Einmal produziert und ausgeliefert, werden diese Produkte dann zu Ladenhütern. Auch liegen zwischen den Designern und der Produktionsstätte oft Kontinente. Dies erschwert den Austausch hinsichtlich Designwünschen und Produktionsmöglichkeiten zusätzlich.

Bekleidungshersteller, die beim heutigen Überangebot auf dem Kleidungsmarkt ihre Kunden finden und binden möchten, müssen näher an sie heranrücken – und so den Kundenwunsch zur richtigen Zeit und im richtigen Design erfüllen.

Die Zukunft

Die Zukunft heißt „Fast Fashion“ und „Microfactory“. Mittlerweile haben sich bereits viele Fast Fashion-Hersteller im Onlinehandel und im klassischen Einzelhandel etabliert. Für Trendware bedeutet dieses Konzept, dass nur etwa ein Monat zwischen Design und fertigem Kleidungsstück liegt. Ermöglicht wird dies durch die Produktion von Kleinserien. So können die aktuellen Kundenbedürfnisse und der Wunsch nach Individualität zeitnah erfüllt werden. Basisteile werden nach wie vor in Massenfertigung produziert und stehen dem Markt dauerhaft zur Verfügung.

Auch technisch hält die Zukunft einiges parat: Neben der digitalen Produktentwicklung und dem vollautomatischen Zuschneiden wird auch der Digitaldruck stetig weiterentwickelt. Im Bereich der Konfektion gibt es Nähautomaten, die Anwendungen wie das Nähen von Knopflöchern oder das Annähen von Knöpfen komplett automatisch ausführen. Im Einzelhandel finden sich schon heute Umkleidekabinen, die die Konfektionsgröße des Kunden digital ermitteln. Darüber hinaus können Kunden über einen digitalen Spiegel das Ladensortiment durchstöbern und Outfits zusammenstellen.

Die Umkleidekabine der Zukunft

Die adidas SPEEDFACTORY

Im Bereich der Microfactory geht adidas mit großen Schritten voran. Im Jahr 2017 gründete der Sportartikelhersteller im deutschen Ansbach die SPEEDFACTORY. Betrieben von der OECHSLER Motion GmbH umfasst die Produktionsfläche 4.600 Quadratmeter. Produziert werden dort ausschließlich Sportschuhe – hochautomatisiert und komplett vernetzt.

Zuvor wurden im Rahmen verschiedener Studien die Bewegungsabläufe eines Fußes mithilfe von Sensoren genauestens untersucht. Die robotergeführte Fabrik verarbeitet diese Daten mithilfe eines Algorithmus, um den Schuh so an diese Gegebenheiten anzupassen. Dass adidas hiermit einen Meilenstein setzt, sah auch die Jury des Deutschen Innovationspreises und zeichnete das „Musterbeispiel für vernetzte Produktion“ im Jahr 2018 damit aus.

Derzeit werden in der SPEEDFACTORY in Ansbach etwa 500.000 Paar Schuhe pro Jahr hergestellt. Die kurze Produktionsdauer, das individuelle Design und vor allem die örtliche Nähe zum Kunden ermöglichen es, innerhalb kürzester Zeit auf Kundenwünsche zu reagieren und so Nähe zwischen Produkt und Kunde zu schaffen.

Derzeit entsteht in der SPEEDFACTORY ausschließlich die „nach Maß“ gefertigte Sportschuhserie „AM4“ (Adidas Made For). Der erste Schuh dieser Serie war der Laufschuh „AM4LDN“ (Adidas Made for London), der, wie der Name bereits vermuten lässt, speziell für London konzipiert wurde. Ihm folgte der Schuh „AM4MN“ (Adidas Made for Minnesota), der pünktlich zum Super Bowl 2018 auf den Markt kam. Bei der Entwicklung des AM4MN wurden Fuß-Scans und Motion-Capture-Technologie verwendet, um die Bewegungsabläufe während eines Footballspiels zu ermitteln und den Schuh individuell auf diese Anforderungen anzupassen.

Abgesehen von der Individualisierbarkeit einzelner Kleinserien sieht adidas in den hochautomatisierten Produktionsstätten weitere Vorteile. So würden ausverkaufte Sortimente schneller reproduziert oder limitierte Auflagen ohne großen Aufwand in den Markt gebracht werden können. Zudem könnte der Kunde bald die Möglichkeit haben, seinen eigenen, individuellen Schuh zu entwerfen und das Design online zu übermitteln. Der Schuh kann dann innerhalb kürzester Zeit in der SPEEDFACTORY hergestellt werden.

Zu Beginn des Jahres 2018 eröffnete adidas die zweite SPEEDFACTORY in Cherokee County im US-Bundesstaat Georgia. Auch hier will der Sportartikelhersteller näher an den Verbraucher heranrücken und kurzfristig auf dessen Bedürfnisse reagieren können. Mit ein Grund: das starke Wachstum, das adidas in den letzten Jahren in den USA verzeichnen konnte. Da liegt es nahe, dass adidas den amerikanischen Markt mehr in den Fokus rückt und den ersten dort gefertigten Schuh speziell für das Laufen auf den Straßen New Yorks konzipierte – den AM4NYC.

Die SPEEDFACTORY in Cherokee County ist mit 74.000 Quadratmetern um ein vielfaches größer als sein deutsches Pendant. Allerdings betont adidas, dass die SPEEDFACTORIES die Hauptlieferquelle nie ganz ersetzen, sondern lediglich ergänzen sollen. Deswegen seien derzeit keine weiteren SPEEDFACTORIES geplant.

Mit Groz-Beckert in die Zukunft

Auch Groz-Beckert hat erkannt, dass die Zukunft in der Automatisierung und Digitalisierung liegt. So werden Nähmaschinennadeln von Groz-Beckert mit neuesten Technologien gefertigt und die Effizienz im Produktionsprozess stetig erhöht. Im Bereich der Digitalisierung setzt Groz-Beckert auf einen zeitgemäßen Vertriebsprozess – mit verschiedenen digitalen Services und einem Online-Shop, der bereits heute in vielen Märkten zur Verfügung steht.

Auch in einer hochautomatisierten Produktion wie der von der OECHLSER Motion GmbH betriebenen SPEEDFACTORY des Sportartikelherstellers adidas stellen gebrochene Nähmaschinennadeln ein Risiko dar. Aus diesem Grund setzt man dort auf Smart INH, um auch bei Nadelbrüchen digital und hocheffizient reagieren zu können.